11.01.2018

Nicht jeder Anspruch findet Zuspruch


Nach Theaterkritik: Saalfeld/Saale in illustren Kreis der Kulturmetropolen geadelt

Die Theaterkritik gehört bisweilen der hohen journalistischen Kunst an. In Bezug auf bedeutende Aufführungen in großen Häusern pflegen Kritiken ihr Dasein oft in einer Parallelwelt, die sich in vielerlei Hinsicht von der Realität entfernt. Meisterwerke werden schlicht verkannt oder Kritiken stehen im Widerstreit mit den Begeisterungsstürmen des Publikums. Ebenso oft ist es genau anders herum: In höchsten Tönen wird gelobt, was den Zuschauer mit Fragen und Irritation zurücklässt; es darf interpretiert werden „auf Teufel komm raus“.

Die Feengrottenstadt darf sich seit dieser Woche zu jenem edlen und illustren Kreis von Kulturmetropolen zählen, denen genau dieses Schicksal zu Teil wird. „Nicht anders ist die Kritik zur Premiere der spanischen Operette ‚Luisa Fernanda‘ im Meininger Hof am Dreikönigstag zu erklären. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, erleben wir vielleicht noch 2018 ein Feuilleton im Lokalteil unserer Tageszeitung“, scherzt Martin Schwartz, Werkleiter im Kulturbetrieb Saalfeld/Meininger Hof.

Den Unterschied macht jedoch ein Detail: Auf einer halben Seite verreißt der Kritiker nicht etwa die Aufführung oder die Darsteller, sondern rein und allein die Spielstätte: Saalfelds Kultur- und Tagungszentrum Meininger Hof. „Als Fazit hat lediglich ein entsprechender Schlusssatz dergestalt gefehlt, dass man lieber auf Kultur verzichten sollte, bevor man ein ‚solch unerträgliches Provisorium‘ anbietet. Mit Glück kam zumindest das Saalfelder Publikum ungeschoren davon“, bedeutet Schwartz zur Ehrenrettung seines gescholtenen Hauses.

Natürlich muss eine Kritik am Meininger Hof vernichtend ausfallen, wenn ein Maßstab an die Spielstätte anlegt wird, der den Vergleich mit dem Theaterhaus in Rudolstadt, in Nordhausen oder großen Häusern sucht. „Dafür wurde dieses Haus nicht gebaut. Trotzdem finden hier Sinfoniekonzerte, Kabarettabende, Opern, Ballett, Konzerte, Musicals und eine Vielzahl unterschiedler kultureller und gesellschaftlicher Veranstaltungen mit wachsendem Erfolg statt. In der vergangenen Spielzeit war das für jeden Kritiker Grund genug, herauszuheben, wie gut es gelungen war, angesichts dieser heraufordernden Bedingungen Aufführungen zu produzieren, die große Begeisterung beim Publikum auslösten und die Besucherzahlen stark anwachsen ließen“, resümiert der Werkleiter. In der Spielzeit 2016/2017 hätte das Theater Rudolstadt sogar, bis auf eine einzige Aufführung, nicht genügend Sitzplätze zur Verfügung gehabt, um die große Zahl der Zuschauer aufnehmen zu können.

Die Verhandlungen zur Kooperation zwischen Rudolstadt, Nordhausen und Weimar führte Intendant Steffen Mensching selbst – in etwa zur selben Zeit, wie die Planungen zur Ersatzspielstätte „Meininger Hof“ vorangetrieben wurden. Mit dem Intendanten aus Nordhausen fanden Begehungen statt, Maße wurden genommen und Vorabsprachen getroffen. Selbstverständlich verfügt der Meininger Hof – anders als dargestellt – über einen Orchestergraben, der in der Spielzeit 2016/2017 auch zum Einsatz kam. „Was an Schauspiel und Bühnenbild reduziert werden muss, kommt der musikalischen Qualität zu Gute. Das in den vergangenen eineinhalb Jahren hier Geleistete ist mehr als beachtlich und trifft den Nerv einer wachsenden Zuschauergemeinde“, verdeutlicht Werkleiter Schwartz und fügt hinzu: „Dass sich zur Premiere der spanischen Operette, die hierzulande nahezu unbekannt ist 170 Gäste auf den Weg in den Meininger Hof machten, ist bei richtiger Betrachtung und guter Recherche ein Erfolg.“ Beim Start der Sinfoniekonzerte in Saalfeld/Saale vor einigen Jahren mussten sich die Akteure nicht selten mit weniger Gästen begnügen. Ausdrücklich wird seit Jahrzehnten die „heikle Akustik“ im Meininger Hof gelobt. Zu Recht, wie auch das Theater Rudolstadt findet, da dies der Hauptgrund dafür war, dass der Meininger Hof Ersatzspielstätte ab 2016 wurde. Im Fall von „Luisa Fernanda“ verändern jedoch die theatereigenen Bühnenbilder mit ihren großformatigen glatten Flächen den Ton. Sie wirken mit ihren diffusen Reflexionen und ihrer Anordnung, die an einen Trichter erinnert, fast wie eine Flüstertüte.

Martin Schwartz geht in der Problematik einen Schritt weiter und springt den Rudolstädter Theatermachern sogar bei: „Im gesamten Landkreis findet sich kein Haus in dieser Größenordnung, dass es u. a. in Sachen Akustik, technischer Ausstattung und baulichem Zustand mit dem Meininger Hof aufnehmen kann. Selbstredend haben die Rudolstädter noch Luft nach oben, was die Auswahl passender Stücke für diese Spielstätte oder was die Umsetzung der Inszenierungen aus Nordhausen betrifft. Bis zur Fertigstellung des Umbaus in Rudolstadt ist jedoch noch Zeit. Es zeichnet sich aber ab, dass, nachdem sich die Zusammenarbeit so positiv entwickelt hat, nicht nur die Hauptspielstätte für die Sinfoniekonzerte der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt nach Saalfeld verlegt werden könnte, sondern das eben auch Opernaufführungen weiterhin in Saalfeld stattfinden können. Ein Schritt zurück wäre auch schwerlich zu vermitteln.“

Das Theater Rudolstadt erfährt während seiner Umbauzeit eine weitreichende Unterstützung durch die Kreisstadt. Zum Beispiel verzichtet der Meininger Hof auf eigene Termine und Saalfelder Vereine, die das Veranstaltungshaus seit vielen Jahren regelmäßig nutzen, treten bereitwillig von ihren festen Terminen zurück oder verlegen Traditionsveranstaltungen auf andere Tage. Bei der Verhandlung von Mieten und bei der Berechnung von weiteren Leistungen wurden zudem die kulturpolitische Bedeutung des Theaters für das Städtedreieck und dessen finanzielle Möglichkeiten berücksichtigt. „Zu keiner Zeit stand in Frage, ob das Theater unterstützt werden soll. Der Werkausschuss des Kulturbetriebes hat bereits seine Zustimmung zum Ausbau der Kooperation signalisiert. Saalfelds Verantwortliche und Entscheidungsträger freuen sich nun auf ein klares Bekenntnis des Intendanten zum Ausbau dieser Zusammenarbeit“, sagt Martin Schwartz. „Alle Einwohner der Region können sich glücklich schätzen, dass die wegweisenden politischen Entscheidungen in Sachen Theater von Kommunalpolitikern mit kühlem Kopf getroffen werden, die bei allem künstlerischen Anspruch vor allem ein Ziel eint: der Erhalt des Theaters und all seiner Sparten.“

Link zur Kritik in der Ostthüringer Zeitung am 08.01.2018